Wie mit Erinnerungen an die NS-Zeit umgehen? | kulturell | Bericht über Kunst, Musik und Lifestyle in Deutschland | DW

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Eine Medaille „Eisernes Kreuz“ von 1939 für 1.200 € (1.353 $), ein silberner Waffen-SS-Ring für 300 € (338 $), eine Wehrmachtsmanschette mit der Aufschrift „Großdeutschland“ [referring to the Great Germanic Reich] für 1.100 € (1.240 $). Auf der Website eines Auktionshauses findet man allerlei Relikte aus der Zeit 1933 – 1945. Ein eigener Reiter namens „Drittes Reich“ erleichtert das Auffinden von Objekten aus der NS-Zeit und führt den Interessenten direkt in ein breites Angebot von Artikeln.

„Nach § 86 StGB ist es verboten, Propagandamaterial verfassungswidriger Organisationen in Deutschland zu verbreiten, herzustellen, auszutauschen oder auf Datenträgern öffentlich zugänglich zu machen“, betont Michael Terhaag, Rechtsanwalt und Fachanwalt für IT-Recht.

Zu den verfassungswidrigen Organisationen zählen in Deutschland links- und rechtsextreme sowie terroristische Organisationen, die vom Bundesverfassungsgericht verboten wurden.

Außerdem seien auch Propagandamaterialien verboten, „die ihrem Inhalt nach dazu bestimmt sind, die Bestrebungen einer ehemaligen nationalsozialistischen Organisation fortzusetzen“.

Verschwommene Linien

Ist der Verkauf dieser Relikte also strafbar? Nicht grundsätzlich. Sofern die Objekte aus Altbestand stammen und Erkennungszeichen der Nationalsozialisten, wie Hakenkreuze und SS/SA-Runen, eingetragen sind, ist der Verkauf in Deutschland grundsätzlich erlaubt.

„Wenn eine Oma noch ein altes Exemplar von ‚Mein Kampf‘ in ihrem Wohnzimmerschrank hat, macht sie sich nicht strafbar. Aber wenn diese Oma 20 Exemplare in ihrem Keller lagert und dann bei eBay veröffentlicht, könnte dies möglicherweise ein solches Verhalten darstellen könnte strafbar sein“, sagt Terhaag.

Zwar sind „die Verbreitung, Herstellung, Ein- und Ausfuhr sowie die Speicherung zum Zwecke der Verbreitung oder öffentlichen Zugänglichmachung von Propagandamaterial auf Datenträgern“ verboten – nicht aber der bloße Besitz.

Anders in Österreich, wo es nicht reicht, NS-Symbole zu registrieren. Sie sollten endgültig gelöscht werden.

Wegwerfen, verkaufen oder behalten?

Aber was tun, wenn Sie auf Ihrem Dachboden ein NSDAP-Abzeichen finden? Schnell wieder in die Kiste stecken und sich nicht darum kümmern? Wegwerfen, verkaufen oder einem Museum schenken?

Diese Frage stellt das Haus der Österreichischen Geschichte in Wien buchstäblich jedem Besucher seiner aktuellen Ausstellung „Hitler entsorgen: Raus aus dem Keller, rein ins Museum“. Beim Kauf der Museumseintrittskarte erhält der Besucher ein Blatt Papier, auf dem ein Objekt aus der NS-Zeit beschrieben ist, begleitet von der luziden Frage: „Würden Sie dieses Objekt vernichten, verkaufen oder behalten?

Gehören NS-Erinnerungsstücke in ein Museum, wie hier im Österreichischen Historischen Museum in Wien?

Österreich und Deutschland haben ähnliche Gesetze in Bezug auf den Verkauf von NS-Erinnerungsstücken und deren Verbreitung. Diese Objekte dürfen in Österreich nur ausgestellt werden, wenn ausdrücklich die Absicht erklärt wird, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für das NS-Regime zu schärfen.

Ein Besuch der neuen Ausstellung im Haus der Österreichischen Geschichte in Wien ist daher kein leichter und unbeschwerter Besuch, bei dem die Menschen einfach durch die Räume gehen und ungestört die Exponate betrachten können. Nein, sie werden direkt mit der Vergangenheit konfrontiert: „Wir können diese Entscheidung nicht für alle treffen, wie wir als Gesellschaft mit den Relikten dieser Zeit umgehen sollen [Editor’s note: meaning the years between 1938 (Nazi Germany’s annexation of Austria) and 1945].

Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen. Geschichte geht uns alle an, besonders die Zeitgeschichte“, erklärt Monika Sommer, Direktorin des Museums, die mit Stefan Benedikt und Laura Langeder die Ausstellung „Disposing Hitler“ kuratiert hat.

Welche Entscheidung man auch trifft, die Fragen bleiben: Bedeutet der Erhalt solcher Objekte eine Hommage an das NS-Regime? Ist sie wegzuwerfen ein Schamgeständnis oder eine Verdrängung? Bedeutet ihre Vernichtung die Vernichtung von Beweisen? Oder ist es an der Zeit, die zahlreichen Nazi-Relikte loszuwerden?

Auf nüchterne und konkrete Weise zeigt das Haus der Geschichte Österreichs 14 Gemälde, die NS-Erinnerungsstücke präsentieren. „Wir wollen nicht, dass diese Objekte als Propagandamaterial ausgelegt werden“, sagt Sommer. „Wir haben sie einfach auf den Tisch gestellt. Es gibt keine anderen Geräte, die eine Aura von Gegenständen hervorrufen könnten. Wenn ich einen Gegenstand auf ein Stück Samt lege, bekommt er eine andere Bedeutung, als wenn ich ihn einfach auf den Tisch stelle.“

Besucher, der die Karte zieht, mit verschiedenen Karten, die an Bord hängen.

Von den Besuchern wird erwartet, dass sie auf diesen Karten antworten, wenn sie das abgebildete Objekt mit NS-Bezug zerstören würden

Scham, Wut oder Unterdrückung?

Diese NS-Erinnerungsstücke werden dem Haus der Geschichte Österreich auf verschiedenen Wegen zugeführt. Manchmal werden Gegenstände nur schnell am Eingang abgegeben, ohne weitere Details. Andere werden anonym gesendet. Fest steht jedoch: Das Museum kauft die Objekte nicht, um den Markt nicht weiter anzuheizen. Die Reliquien sind Geschenke, hauptsächlich von Einzelpersonen, aber auch von Institutionen.

Die Gründe für Spenden sind unterschiedlich. „Viele unserer Spender wollen sich von diesen Themen distanzieren. Es geht darum, sich abladen zu wollen – vielleicht auch die eigene Familiengeschichte loszuwerden“, sagt Sommer.

Es geht aber auch darum, diese Objekte „produktiv“ zu machen, also für die Stärkung des demokratischen Bewusstseins verfügbar zu machen. Einige Leute sagen auch, dass sie wollen, dass die Artikel vom Markt genommen werden.

„Wir müssen uns auch damit auseinandersetzen, dass einige Leute denken, dass es illegal ist, diese Gegenstände in ihren Häusern zu haben. Sie haben Angst, dass sie strafrechtlich verfolgt werden könnten“, sagt Sommer.

Zu sehen ist beispielsweise ein Puppenwagen, den ein Wehrmachtssoldat aus nach dem Einmarsch in Frankreich gestohlenen Materialien anfertigte und seinen Töchtern nach Deutschland schickte. Solche Erinnerungsstücke gibt es in der Ausstellung viele, aber oft geht es nicht um die Objekte selbst, sondern um die Geschichten dahinter.

Puppenwagen in Vitrine und Koffer daneben.

Ein Wehrmachtssoldat baute diesen Puppenkarren aus nach dem Einmarsch in Frankreich gestohlenen Teilen und schickte ihn an seine Töchter

Hitlers Mikrofon?

Ein weiteres Ausstellungsstück ist ein Mikrofon, das Hitler wahrscheinlich während seiner ersten Rede in Linz nach dem Anschluss Österreichs verwendet hat. Jahrzehntelang sei das Mikrofon in einem Regionalstudio des öffentlich-rechtlichen Senders ORF installiert gewesen, sagte Sommer.

„Wir haben dieses Objekt anhand historischer Fotos untersucht. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Mikrofon tatsächlich für den Anlass verwendet wurde. Aber das war für uns nicht ausschlaggebend“, betont der Direktor des Sommermuseums.

Interessant sei, sagt sie, dass der damalige technische Leiter dieses Objekt aufbewahrt habe und es über die Jahrzehnte weitergegeben worden sei. „Irgendwann wurde das Mikro aus dem Inventar genommen, da es den technischen Anforderungen nicht mehr genügte, aber es wurde nicht vernichtet.

Mikrofon hätte Hitler durchgesprochen, auf den Tisch gestellt

Mikrofon, in das Hilter angeblich gesprochen hat: Der Besitzer wollte es nicht mehr

Neben Gegenständen, die offensichtlich aus der Zeit der NS-Diktatur stammen, sind auch solche ausgestellt, die nicht sofort als NS-Erinnerungsstücke erkennbar sind. Wie die kleinen Blumen-Anstecker des Winterhilfswerks aus der NS-Zeit, die man damals gegen eine Spende bekam. „Diese Abzeichen sehen ganz unschuldig aus, wenn man das kleine Rosen- oder Enzianblütensymbol sieht“, sagt Sommer.

In Wirklichkeit, sagt sie, diente dieses nationalsozialistische Wohlfahrtssystem dazu, eine Gemeinschaft zu schaffen, die der Ideologie der Nazis folgte. „Es war eindeutig rassistisch motiviert, da sehr genau geregelt war, wer Unterstützung von der humanitären Organisation erhalten sollte und wer nicht, nämlich nur die sogenannten arischen Familien“, stellt Sommer fest.

NS-Erinnerungsstücke, darunter Broschüren, Orden und Anstecknadeln in Schachteln

Manche NS-Erinnerungsstücke wirken auf den ersten Blick harmlos, wie diese Anstecknadeln und Flugblätter

Die Karten, auf denen die Museumsbesucher ihre Entscheidungen darüber niederschrieben, was mit Artefakten aus der NS-Zeit geschehen soll – sie vernichten, verkaufen oder behalten? — werden sichtbar in der Ausstellung aufgehängt. Die dafür vorgesehenen Freiflächen sind bereits voll, erklärt Kurator Stefan Benedikt. Ein Trend ist deutlich erkennbar: Die meisten Besucher würden sich aus den unterschiedlichsten Gründen für „Konservieren“ entscheiden. Allein auf dieser Grundlage, sagt Benedikt, könne man eine ganze Diplomarbeit schreiben.

Die Ausstellung „Hitler beseitigen: Raus aus dem Keller, rein ins Museum“ läuft bis 9. Oktober im Haus der Österreichischen Geschichte in Wien.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Deutsch verfasst.